Kulturgetummel und Kreppelglück

„Kennen Sie Polen?“ steht auf dem Fragebogen, der mir in die Hand gedrückt wird. Es ist ein Samstagmorgen Anfang September. Ich sitze im Kulturzug von Berlin nach Breslau – ein alter Regionalzug, so voll, dass nicht jeder einen Sitzplatz gefunden hat. Breslau bzw. Wroclaw ist dieses Jahr Kulturhauptstadt. Aus dem Anlass fährt am Wochenende ein Sonderzug ab Berlin. Der Programmleiter des Zuges begrüßt uns über die Lautsprecher, erst auf Deutsch, dann übersetzt eine Dame auf Polnisch. An den Wänden des Abteils hängen Zettel, auf denen auf Deutsch und Polnisch Fragen stehen: „Wieso gibt es in Breslau so viele Zwerge?“.

Als ich mich dem Fragebogen widme, stelle ich beschämt fest, dass ich Polen so was von gar nicht kenne. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in Polen, in Krakau, und kann deshalb beantworten, wie alt die Universität von Krakau ist (gegründet 1364). Ich erinnere mich auch an den geräucherten Käse Oscypek, den man mit Preiselbeermarmelade isst. Die restlichen Fragen zu Bauwerken, Flüssen, Durchschnittseinkommen, kann ich nur raten. Obwohl Polen ein Nachbarland ist und Polen nach Türken die zweitgrößte Gruppe an Migranten in Deutschland ausmachen, weiß ich erschreckend wenig. Ich habe mir auch nichts über Breslau angelesen. Ich weiß nur, dass es Kulturhauptstadt ist und sehr studentisch sein soll.

Im Hostel angekommen schnappe ich mir an der Rezeption gleich das bunt gemusterte Kulturhauptstadt-Programm. Zusammen mit meinem Bruder will ich so viel Kultur mitnehmen, wie es nur geht. Fünf Tage nehmen wir uns Zeit, um Breslau zu entdecken und zu erfahren, was eine Stadt aus dem verheißungsvollen Titel macht.

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Die Zwerge, von denen wir im Kulturzug zum ersten Mal gehört haben, begegnen uns gleich auf dem ersten Spaziergang in die Innenstadt. Vor einem Jazzclub steht ein kleiner bronzener Zwerg mit Posaune. Wie wir später erfahren, gibt es in der ganzen Stadt mehr als 200 dieser Zwerge zu entdecken. Die ersten Zwerge tauchten 2001 im Rahmen eines Projekts der Kunsthochschule auf. Sie erinnern an die politische Oppositionsbewegung Orange Alternative, die in den 1980er Jahren mit avantgardistischen Aktionen gegen das kommunistische Regime demonstrierte. Unter anderem demonstrierten sie in Zwergenkostümen und stellten einen gusseisernen „Papa Zwerg“ auf. Die Orange Alternative spielt auch im Kulturhauptstadt-Jahr eine besondere Rolle: In ihrem ehemaligen Treffpunkt sitzt das Hauptquartier der Kulturschaffenden, ein Versammlungsort und Informationszentrum mit Café, die ‚BarBarA‘.

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Kulturhöfe an der Ulica Ruska, Klavier im Kino Nowe Horyzonty, noch mal Ruska

Als erstes sind unsere Abende verplant, jeden Abend gibt es so viel Programm, dass wir uns manchmal schwer entscheiden können. Als zweites steht unser Speiseplan. Wir laufen an so vielen einladenden besonderen Lokalen, Cafés und Kneipen vorbei, dass wir gut planen müssen, um auch alles ausprobieren zu können: Georgisches Streetfood – Lobiani, chinesische Dampfnudel Baozi und natürlich PIEROGI ! In einer Kneipe mit etwas zu Rihanna-lastiger Musik bestellen wir jeder einen Teller für umgerechnet zwei Euro, rechnen mit einer kleinen Snack-Portion und bekommen einen riesigen Teller mit den unglaublich leckeren Teigtaschen. Maultaschen auf polnisch, nur noch besser. Mehrmals laufen wir an einem kleinen Laden vorbei, vor dem egal zu welcher Tageszeit eine lange Schlange steht. Da müssen wir wohl auch mal hin. Wofür da alle Schlange stehen sind Paczek, Kreppel (wem das nichts sagt: Krapfen/Berliner) mit den unterschiedlichsten Füllungen. Der Bäcker verkauft nichts anderes. Sie backen von morgens bis abends frisch, die Füllungen reichen von Apfel, Erdbeer und Pflaume bis hin zu Nougat und Eierlikör. (Was was heißt finden wir mithilfe einer Übersetzer-App heraus.) Zwei Mal gönnen wir uns die fettigen Teile. Unglaublich lecker – zurecht steht man hier Schlange.

Über das Stadtbild, die wunderschön restaurierten bunten Fassaden und wenige Ecken weiter die raue Platte zu schreiben, wäre ein eigenes Kapitel. An den Ufern der Oder erstrecken sich Treppen, Grünstreifen und einladende Sitzlandschaften, die so neu aussehen, dass sie vermutlich gerade pünktlich zum Kulturhauptstadt-Jahr fertig geworden sind. Zwei Eindrücke, die sich durch unsere Erkundungsstreifzüge durchziehen: überall ist Leben, in der Innenstadt gibt es viel mehr Gastronomie als Einkaufsläden und fast alles ist gut besucht. Wir sehen fast nur junge Menschen und fragen uns oft, wo hier überhaupt die Alten sind. Insgesamt hat Polen tatsächlich eine deutlich jüngere Bevölkerung als Deutschland. In Polen sind etwa 15 % der Bevölkerung älter als 64, in Deutschland sind es fast 21 % (Quelle s.u.). Breslau hat außerdem eine beträchtliche Anzahl von mehr als 12000 Studierenden an über zwanzig Hochschulen. Bei einer Gesamtbevölkerung von 635.800 Menschen macht das einen Anteil von rund einem Fünftel (Quelle s.u.).

Wir hören im Laufe unserer Kulturtage ein Konzert mit japanischen Jugendchören, bestaunen einen Derwisch-Tänzer aus Ägypten. Der Regisseur der Performance, die wir im stillgelegten Bahnhof Swiebodzki sehen, kommt aus Deutschland, unser airbnb-Gastgeber für die letzten Nächte ist Italiener. Hier in Breslau kommt uns Polen ganz schön international vor. Dabei sagen die Zahlen etwas anderes: Polen hat mit einem Ausländeranteil von 0,3 % einen der niedrigsten in Europa. Während sich Konzerne aus aller Welt in Breslau ansiedeln und die Kulturhauptstadt sich als Weltstadt präsentiert, hat sie hinter der Fassade mit einer rechtsextremen Szene zu kämpfen. Im November letzten Jahres machte eine antisemitische Demonstration auf dem Rathausplatz Schlagzeilen. Als ich zurück zuhause mehr zum Thema lese und in den amtlichen Statistiken der Stadt nach Zahlen suche, muss ich stutzen. Im Statistischen Jahrbuch ist so ziemlich alles aufgeführt, die Altersverteilung nach Geschlecht, nach Stadtteilen, Todesursachen, Anzahl der Studierenden nach Fachbereichen, Anzahl der Touristen aufgeschlüsselt nach Herkunftsländern aber keine Zahl, die mir verrät, wie viele ‚Ausländer‘ in Breslau leben. Falls jemand die Zahl findet, möge er sie mir bitte mitteilen, und ich korrigiere mich hier.

Auf der Heimreise fahren wir mit dem Bus nach Leipzig, ohne Kulturprogramm und Polen-Quiz. Hätte uns noch mal jemand Fragen gestellt, hätten wir sicher schon mehr beantworten können. Dafür nehmen wir viele neue Fragen mit nachhause und eine große Portion Neugierde auf noch mehr Polen.

 

 

Quellen:

Die Zahlen zur Altersverteilung in Deutschland und Polen sind Werte von 2014, veröffentlicht vom Schweizer Bundesamt für Statistik. Auf der Seite kann man sich mit einem Klick die Werte unterschiedlicher Länder gegenüberstellen lassen. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/international/laender/pl.html

Die Breslauer Bevölkerungszahl stammt von der offiziellen Seite der Stadt, die Anzahl der Studierenden aus dem Statistischen Jahrbuch der Stadt von 2014, das man als PDF herunterladen kann.

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