Schlagzeug im Altarraum

In der Kathedrale von Bari. Auf der Treppe, die zum Altar hinauf führt, sitzt ein kleiner Junge mit Sidecut, Jeans und schwarzer Lederjacke an einem Drumset. Links von ihm wuselt eine Gruppe kleiner Geigen herum. Eltern rücken Plastikstühle und Notenständer und machen Fotos. Eine Mädchen mit Trompete, vielleicht 12 Jahre alt, trägt ein ausgefranstes Top und eine Jeansweste. Ein Junge mit Klarinette im Arm steht hinter dem Altar und pfeift.

Eine Signora in der vierten Bankreihe erklärt mir, es handle sich um ein Schulorchester von einer Schule hier um die Ecke, das heute Abend zusammen mit einem erwachsenen Orchester ein Konzert gibt. Den Namen des Orchesters hat sie vergessen. Langsam ebbt das Stühlerücken und Pfeifen ab, die Kinder nehmen Platz – die Probe kann beginnen. Das Orchester besteht aus knapp zwanzig Kindern, dazwischen ein paar Lehrkräfte. Das erste Stück, das geprobt wird, sind Variationen über die Melodie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ (ursprünglich Klaviervariationen von Mozart über ein französisches Lied). Als ich einer stolzen Mutter eine Reihe hinter mir in das strahlende Gesicht gucke, bekomme ich Gänsehaut.

Auf meinem Streifzug am Nachmittag habe ich das Aufnahmegerät nicht einstecken. Am Abend zum Konzert bringe ich es aber mit. Um sicherzugehen, ob mir die Frau die richtige Uhrzeit gesagt hat, versuche ich im Hostel, das Konzert zu googeln. Vergeblich. Ein Plakat habe ich auf meiner Erkundungstour auch nicht gesehen. Ich wundere mich, wie man ein Konzert so schlecht bewerben kann. Als ich um neun in die Kathedrale komme, läuft das erste Stück bereits. Später sehe ich im gedruckten Programm des Bari Jazz-Festivals, das Beginn um 20:30 Uhr war. Ich erfahre, dass das Kinderorchester Orchestra Borgo Antico heißt, und heute Abend zusammen mit dem Jordanian National Orchestra spielt.

Die Ansprache des Dirigenten bewegt mich zutiefst. Zwar sagt er Sätze, die ich auch auf zahlreichen Musikschulkonzerten in Deutschland gehört habe – wie wichtig es sei, die Talente der Kinder zu fördern, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren. Aber in Italien, wo es an vielen Schulen überhaupt keinen Musikunterricht gibt, und wo viel weniger Kinder ein Instrument lernen als in Deutschland, haben diese Sätze mehr Gewicht. Dass das Bari Jazz-Festival einem Kinderorchester eine Bühne gibt, ist für mich ein großes Zeichen. Das Konzert an diesem Abend ist kostenlos. Die Kathedrale ist etwa zur Hälfte gefüllt. Immer wieder geht die Tür auf und Menschen kommen hinein, andere verlassen das Konzert. Eltern laufen umher und machen Fotos, winken ihren Kindern und filmen mit ihren Handys.

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