Blues

Auf meiner Reise Richtung Süden bin ich Gast. Bei Freunden, Freunden von Freunden, Bekannten, in Hostels und bei Fremden, die bei couchsurfing.com mitmachen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es schon außergewöhnlich, bei völlig Fremden zu schlafen, auf der Couch oder im Gästezimmer, als wäre man zu Besuch bei Freunden. Da holt einen jemand vom Bahnhof ab, den man noch nie gesehen hat, man startet ein bisschen Smalltalk und weiß, dem wird man heute Abend „Buona notte!“ sagen und morgen früh verschlafen mit ihm am Frühstückstisch sitzen. Einer von diesen Fremden auf meiner Reise ist Ettore. Auf der Suche nach einer Unterkunft genau zwischen Rom und Neapel stoße ich auf ihn und bekomme gleich eine nette Antwort auf meine Anfrage.

(Aus meinem Tagebuch vom 14.05.2016)

Bei strömendem Regen fahre ich von Rom Termini mit dem Regio in Richtung Süden. Gestern war nicht mein Tag und heute Morgen nicht mein Morgen. Ich dachte, ich müsste nach einigen Tagen in ständiger Gesellschaft vor allem mal allein sein, aber mit jemand Fremdem zu sein, tut’s auch. Ettore holt mich am Bahnhof ab und wir fahren eine schlängelige Straße am Meer entlang, halten an einem kleinen unscheinbaren Lokal in gigantisch guter Lage mit Blick auf’s Meer. Trotz Regen denke ich, das ist Luxus, ein so bodenständiges Lokal in so einer Lage. Was braucht man mehr. Hier isst eigentlich jeder Büffelmozzarella. Ein riesiger runder Klops auf einem Plastikteller und oben drauf etwas Tomatensalat mit meinen lila Lieblingsoliven. So isst man hier „Caprese“. Der Mozzarella schmeckt so unfassbar gut, dass man schon glücklich wird, wenn man ihn nur pur isst. Danach probieren wir noch Babá, eine neapolitanische Spezialität: ein flussiges Brioche oder kreppelartiges Gebäck triefend getränkt in Rum.

Danach fahren wir nach Sperlonga, ein kleiner malerischer Ort an der Küste mit steilen verwinkelten Gassen. Der Regen will einfach nicht aufhören, in den Gassen haben sich längst Bäche gebildet und nach einer halben Stunde sind unsere Schuhe endgültig durchgeweicht. Zeit, nachhause zu fahren. Auf der Straße müssen wir mehrmals abbremsen, weil Kühe gemütlich passieren, weiße, karamelfarbene, braune. Die Hügel sind saftig grün in ganz vielen Schattierungen. Die nassen Stämme der Laubbäume sind ganz schwarz und zeichnen harte Linien in die Landschaft. Die CD, die im Auto läuft, gefällt mir. Eine schwedische Band, von der ich noch nie gehört habe.

Ettore schließt die Wohnungstür auf. Warme Farben, eine große dunkelrote Couch, Dachschrägen, Holzbalken. Seine ersten zwei Handgriffe: Musik an und Wasser aufsetzen. Draußen grau in grau. Wir stopfen unsere Schuhe mit Zeitung aus und trinken Tee, reden übers Reisen, über Musik. Ettore ist Ende dreißig, hat einen Job auf einem Amt. Er ist selbst öfter Gastgeber als Gast bei couchsurfing. Er lädt die Welt zu sich ein, in sein kleines Örtchen, zwischen Olivenbäumen und der Via Appia. Ich kenne diesen Mann seit knappen zwei Stunden, bin seit fünf Minuten in seiner Wohnung und fühle mich pudelwohl. Gute Musik, ein Tee und eine Couch, die eine gemütliche Übernachtung verspricht. Ettore hat die größte CD-Sammlung, die ich je gesehen habe. Er mag vor allem Blues, kennt viele Musiker, überall stehen Instrumente, die aussehen, als kämen sie aus weit entfernten Ländern. So viel weite Welt in einer Kleinstadt im Süden Italiens, in die sich wohl selten ein Tourist verirrt.

Abends brechen wir auf zu einer Veranstaltung von einer Art Fahrradaktivisten-Gruppe, so was ähnliches kenne ich aus Deutschland als „Critical Mass“. In Italien haben sie aber noch ein ganzes Stück mehr zu tun damit, auf die Rechte von Radfahrern aufmerksam zu machen. Umso überraschter bin ich, dass mir eine solche Organisation hier begegnet. Der Regen hat sich gelegt aber für italienische Verhältnisse ist das Wetter trotzdem noch so abschreckend, dass nur wenige Menschen gekommen sind, um ein Konzert unter freiem Himmel zu hören. Dabei ist die Band, die heute Abend auftritt, offenbar ziemlich berühmt in der Gegend: „Blue Stuff“ – neapolitanischer Blues. Groovt ziemlich, da kann man die Füße nicht still halten. Die Texte müssen ziemlich lustig sein, so wie die anderen schmunzeln. Ich verstehe den neapolitanischen Akzent aber  beim besten Willen nicht.

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