Wenn die Flüsse aufwärts fließen

Durch Bologna fließt der Rhein. Ganz im Ernst. Der Fluss heißt Reno, genau wie der italienische Name für den Rhein, der durch Mainz und Köln fließt. An einem mittelwarmen Sonntagnachmittag im Mai liegt der Reno so ruhig da, dass man nicht erkennen kann, in welche Richtung er fließt. Sein Wasser ist ganz trüb und weiß, voller Pollen und kleiner Blüten. An einigen Stellen bläst der Wind Wirbel ins Wasser, sodass man meint, eine Richtung erkennen zu können, an anderen Stellen sieht es aus, als würde er doch entgegengesetzt fließen.

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Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn dieser Rhein wirklich der gleiche wäre, der durch Mainz fließt. Wenn man auf dem Fluss bis nach Mainz fahren könnte, über die Alpen, oder unter ihnen hindurch. Ein Zitat kommt mir in den Sinn, dass ich in meiner ersten richtigen italienischen Lektüre angestrichen habe – „Oceano mare“ von Alessandro Baricco.

„[…] quanto sarebbe bello se, per ogni mare che ci aspetta, ci fosse un fiume, per noi.“ – Wie schön es wäre, wenn es für jedes Meer, das uns erwartet, einen Fluss für uns gäbe.

Auf meiner Reise, genau wie zuhause in Deutschland auch, denke ich oft darüber nach, wie viele Menschen in diesen Tagen und Wochen auf der Flucht sind und ihr Leben riskieren, um in Europa in Sicherheit zu leben. Schon auf der Zugfahrt von Frankfurt nach Trento wurde das Thema wieder spürbar, als im Zug Schwarze nach ihrem Ausweis gefragt wurden – und ich nicht. Ich kann einfach so bis nach Sizilien und zurück mit dem Zug fahren, ich brauche keinen Reisepass und auch meinen Perso will keiner sehen. In diesem Fall genügt es, dass ich weiß bin. Das kommt mir so ungerecht vor. Was habe ich denn geleistet, womit habe ich eine bessere Behandlung verdient, als andere? Ich glaube für mich trifft das Zitat tatsächlich zu. Für jedes Meer, das mich erwartet, gibt es einen Fluss. Manchmal weiß ich nicht, welches Meer es gerade ist, das mich erwartet, und Begegnungen, Zufälle, oder Schicksal, wenn man so möchte, treiben mich sanft auf einem Rhein dorthin. Manchmal weiß ich, welches Meer ich anpeile, und ich finde einen Fluss, der mich hinführt.

Für die meisten Menschen aber bleibt dieser Satz, so wie ihn Baricco schreibt, irreal. Es gibt im Italienischen Bedingungssätze in drei Formen: reale, potentielle und irreale Bedingung. Im genannten Zitat sind die Verbformen die eines irrealen Bedinungssatzes. Es wäre so schön, wenn es einen Fluss gäbe, aber es gibt ihn nicht. Flüchtlinge, die in Italien ankommen, können nicht einfach auf dem Reno bis nach Deutschland schippern. Sie haben möglicherweise ein genaues Ziel vor Augen, ein Studium in Deutschland, Verwandte, die sie erwarten. Und doch gibt es keinen Weg, zu diesem Ziel zu gelangen, zumindest nicht auf legalem Wege. Für mich ist dieses Thema, diese große Ungerechtigkeit, ständig präsent und überhaupt nicht begreifbar.

Als ich mit einer Freundin unter den Portici von Bologna entlang schlendere, fragt uns ein dunkelhäutiger Mann freundlich, wie wir heißen und wo wir herkommen. Aus Österreich, vermutet er. „Can I come to Austria with you? I want to come with you and live in Austria.“ „We are from Germany“, sagen wir. „That’s even better!“, sagt er. Unbeholfen sage ich, dass wir gar nicht zurück nach Deutschland fahren, sondern in Richtung Süden unterwegs sind. Stimmt ja auch irgendwie. Wir verabschieden uns freundlich und wünschen ihm alles Gute, und er uns auch. Absurd. Er gäbe alles dafür, weiter Richtung Norden zu kommen. Wir fahren genau in die entgegengesetzte Richtung.

Später auf meiner Reise, in einem Hostel in Salerno, lerne ich Veronica aus Kalifornien kennen. Beim ersten Gespräch im Dorm, sie packt gerade ihren riesigen Rucksack um, erwähnt sie nebenbei, dass sie schon seit zwei Jahren auf Reisen ist. Ich bin sehr neugierig und bekomme abends bei einem überteuerten Bier (Craft Beer, denn darauf fahren auch die Italiener gerade total ab) zum Glück die Gelegenheit, ihre Geschichte ausführlicher zu hören. Veronica ist seit wenigen Tagen in Italien, vorher hat sie über ein Jahr in Australien gelebt. Sie ist herum gereist, hat gearbeitet, und einen Mann kennengelernt, den sie jetzt liebt, und mit dem sie zusammen leben möchte. Sie darf aber nicht. Als Amerikanerin kann sie nicht einfach so lange sie will in Australien leben. Irgendwann kam ein Brief vom Amt und sie hatte zwei Wochen Zeit, um das Land zu verlassen. Sie erzählt, sie habe einfach einen Globus genommen, angedreht und willkürlich an einem Punkt angehalten – Rom, also gut. Veronica sagt, sie liebt es, zu reisen, sie kann sich nichts Schöneres vorstellen. Aber es sei etwas anderes, ob man von einem Ort zu einem anderen aufbricht, weil man es will, oder ob man aufbricht, weil man muss.

 

 

[Randnotiz: Da mich mein Tablet auf meiner Italienreise schon nach wenigen Tagen im Stich gelassen hat, wurde es ganz schnell still auf diesem Blog. Mit Kamera, Aufnahmegerät und Reisetagebuch habe ich aber trotzdem viele Momente eingefangen, die nun nachträglich als Lautschreiberei hochgeladen werden, zumindest einige davon]

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