Zum Kuckuck

Der Wecker klingelt.  Ich bin allein in einem geräumigen und ziemlich nackten Schlafsaal. Fenster auf und die Sonne grüßt mich euphorisch. In der Jugendherberge in Trento beginnt der erste Tag meiner Italienreise. Zum Frühstück bin ich mit zwei Mädels aus Thüringen verabredet, mit denen ich gestern Abend schon nett ins Gespräch gekommen bin. Sie sind mit Rädern unterwegs, fahren auf mehreren Etappen nach Venedig. Nach dem Frühstück brechen sie bald auf, heute zum Gardasee. Ich muss heute eigentlich nirgendwo mehr hin, wenn ich das Gefühl habe, es ist Zeit, weiterzuziehen, will ich in einen Zug Richtung Süden steigen. Irgendwann in den nächsten fünf Wochen würde ich gerne in Sizilien ankommen.

Von der Jugendherberge aus sieht man eine Art Tempel stolz auf einem kleinen Berg thronen. Da könnte ich doch mal hoch laufen. Also beginnt mein Treibenlassen erstmal steil bergauf. Der Weg ist wirklich wirklich steil aber sympathischerweise gibt es gefühlt alle 20 Meter in die Mauern eingelassene Bänke zum Pausieren. Auch wenn meine Puste reicht – Bänke sind etwas Wunderbares! Wo es Bänke gibt, da lass dich nieder … (Auf meiner Fahrt von Frankfurt nach Trento beim Umstieg in München war es schier unmöglich, eine Bank oder auch nur einen breiten Blumenkasten zu finden um Brotzeit zu machen)

Oben auf dem Berglein angekommen, steht am Rande des Weges eine Steintafel mit der Aufschrift „ZONA SACRA“ – heilige Zone. Dann fällt mein Blick auf eine Reihe von Panzern auf der Wiese dahinter. Sonderbar. Da hätte ich doch anderes erwartet. Links führt ein kleiner Pfad noch einige letzte steinige Stufen hinauf zum allerhöchsten Punkt. Eine Lichtung mit Ruinen, nicht mal kniehohe Umrisse, nicht zu erkennen, was das mal gewesen sein soll. Ich hätte hier wohl nicht besonders lang innegehalten – läge nicht mitten zwischen den Mauerresten lang ausgestreckt eine Frau im Gras, barfuß und mit Sonnenbrille. Erst in diesem Moment bemerke ich die Ruhe, die doch gar nicht still ist, und höre hin, was sie wohl gerade hört. Vogelstimmen, rauschender Wind, in der Ferne die Autobahn. Wie diese Frau da so liegt, völlig entspannt, unter dem wolkenlosen Himmel, lässt mich erst stehen bleiben und den Ort auf mich wirken lassen. Und dann setze ich mich hin und lausche…

 

Wer geduldig ist (oder vorspult) hört den Kuckuck. Sein Ruf ist heute der Klang meines Tages. Abends, als ich in Verona in der Jugendherberge in der verwunschenen alten Villa Francescatti unter der Dusche stehe, höre ich wieder einen.

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